Unfall des FDP-Chefs: Die Angst vor der negativen Schlagzeile

Ein Autounfall zum unglücklichsten Zeitpunkt mitten im Wahlkampf belastet seit Freitag FDP-Präsident Philipp Müller. Kritisch nach aussen ist nicht primär der Unfall an sich, sondern der Umgang des Betroffenen damit. Er zeigt typisch die menschlichen Reflexe, die in Krisensituationen angesichts der psychischen Belastung oft in ein ähnliches Muster führen. Eine Analyse, wie die Angst vor der negativen Schlagzeile ein optimiertes Verhalten in der Krise verhindert.

Philipp Müller Unfall Krisenkommunikation

Krisenkommunikation von FDP-Präsident Philipp Müller unter der Lupe (Bild: Aargauer Zeitung Online)

Überaus menschliche Reflexe führen dazu, dass eine kommunikative Krisensituation über Tage, Wochen oder gar Monate mediale Schlagzeilen liefert. So auch im Fall von Philip Müller, Präsident FDP.Liberalen Schweiz. Dabei ist es in seinem Beispiel nicht der tragische Unfall an sich, bei dem er mit seinem Auto am Donnerstag gegen Abend eine junge Frau schwer verletzt. Vor einem Unfall ist bekanntlich niemand gefeit. Wenn jedoch eine Person des öffentlichen Lebens involviert ist, wird ausnahmsweise genau hingeschaut. Weniger auf den Unfall als vielmehr auf den Umgang der betreffenden Person mit dieser Extremsituation. Und hier zeigen sich im Fall von Philipp Müller typische Reaktionsmuster, die am Ende das Gegenteil von Schadensbegrenzung bewirken. Eine Analyse:

Freitagmorgen: Vertuschungsversuch?

Es ist eine natürliche Reaktion, dass man von einer schwierigen Situation hofft, sie möge nicht in der Öffentlichkeit ausgeschlachtet werden. Anders ist es nicht zu erklären, dass sich Philipp Müller am Morgen nach dem Unfall in einem Gespräch mit einem Journalisten von Radio SRF nicht das Geringste anmerken lässt, mit welchen Sorgen er zu kämpfen hat.
http://www.srf.ch/news/regional/aargau-solothurn/philipp-mueller-nach-unfall-ich-goenne-mir-ein-gutes-glas-wein

Hier haben er und seine Partei die Tragweite des Ereignisses und die damit verbundene Mediendynamik komplett unterschätzt. Die nachfolgenden Stunden deuten darauf hin, dass weder die FDP noch Philipp Müller darauf vorbereitet waren, welche Konsequenzen dieser Unfall auslösen kann.

Freitagnachmittag: Nach der Enthüllung das Kleinreden und Verstecken

Wenige Stunden nach dem SRF-Interviewtermin macht die Aargauer Zeitung publik, dass der FDP-Präsident in einen schweren Unfall verwickelt war. Die Medienlawine kommt ins Rollen. Das FDP-Generalsekretariat reagiert mit einer kurzen, emotionslosen Medieninformation. Es wird nicht etwa Mitgefühl mit dem jungen Opfer gezeigt. Im Gegenteil dessen schwere Verletzungen werden schön geredet.
http://www.fdp.ch/kommunikation/118311-philipp-mueller-in-unfall-verwickelt.html
Weitere Informationen gebe es nicht, heisst es. Gegenüber Journalisten richtet das FDP-Büro aus, Philipp Müller nehme selber keine Stellung.
Diese Initialkommunikation wirkt verheerend, wie hier im Analyse-Interview mit der Südostschweiz nachzulesen ist. Die Mitteilung ist nicht nur zu knapp, sie widerspricht in Bezug auf die Schwere des Unfalls zudem deutlich der Polizeikommunikation – ein typischer Fall von Kleinreden. Die angekündigte Informationsverweigerung führt zwingend dahzu, dass das öffentliche Verlangen nach mehr Information und Transparenz steigt. Das Kleinreden und der erste Aussitzversuch sind geeignet, von Beginn weg Misstrauen zu schüren. 

Freitagabend: Erste schriftliche Stellungnahme lässt wesentliche Fragen offen

Am gleichen Abend sieht sich Philipp Müller aufgrund des zunehmenden Drucks gezwungen, eine erste Stellungnahme abzugeben.
http://www.fdp.ch/kommunikation/118312-prise-de-position-de-philipp-mueller.html
Diese fällt erneut knapp aus und endet wiederum mit dem Hinweis, er werde «bis auf weiteres keine weitere Stellungnahme abgeben». Angesichts des bereits wachsenden Misstrauens aus der mangelhaften Initialkommunikation, ist ein solcher Hinweis illusorisch. Er verkennt, erst richtig in Fahrt kommt, wenn nicht alle Fakten auf dem Tisch liegen. Hier bleiben wesentliche Fragen zum Unfall – sowie zum Umgang von Philipp Müller damit – offen. Er befindet sich bereits in einer kontraproduktiven «Salamitaktik», in deren Folge scheibchenweise neue Informationen nachgeliefert werden müssen, weil der mediale Druck hoch bleibt. Ausserdem vermag eine derart abgefasste schriftliche Verlautbarung nicht annähernd die notwendige emotionale Betroffenheit auszudrücken.

Samstagabend: Nachbesserungsversuch mit zweiter schriftlicher Stellungnahme

Nicht nur die öffentliche Initialkommunikation missglückte. Viel wichtiger bei derartigen Ereignissen ist der Dialog mit den Direktbetroffenen und Involvierten, hier also insbesondere mit dem Opfer und dessen Angehörigen. Diese läuft schief und öffnet den Weg für unnötige Nebengeschichten wie jene des Vaters der jungen Frau, der sich öffentlich über das Verhalten des Unfallfahrers beschwert. Dass die Kontaktaufnahme über einen Anwalt erfolgte, aus welchen Gründen auch immer, lässt nichts Gutes erahnen. Philipp Müller wird deshalb gezwungen, am Samstagabend eine weitere schriftliche Stellungnahme publizieren zu lassen, an dessen Ende erneut jede weitere Auskunft verweigert wird. Als erste Nothandlung sistiert Philipp Müller «aus Respekt gegenüber den jungen Frau und ihren Angehörigen» seinen Ständerats-Wahlkampf.
http://www.fdp.ch/kommunikation/118313-communication-personnelle.pdf?tmpl=component
Die Stellungnahme erwähnt erstmals einen «Schock», von dem bisher in der Kommunikation nichts zu erkennen war, der jedoch bei so einem Ereignis verständlich ist. Am Sonntag lässt Philipp Müller im SonntagsBlick zudem seine Tochter ins Rennen schicken, welche die Schock-These untermauern soll. Das Vorschieben der Tochter – in einem «schriftlichen Kommentar» auf Blick.ch könnte als unnötige PR-Aktion interpretiert werden. Einen «Schock» hätte Philipp Müller glaubwürdiger vermitteln können, wenn er von Beginn weg mit offenen Karten kommuniziert hätte.

«Typische Reaktionsmuster: 1. Vertuschen, 2. Kleinreden, 3. Verstecken/Aussitzen, 4. Rechtfertigen, 5. Nothandlungen» 

Montagmorgen: Rechtfertigungen und Kehrtwende im «Interview» mit der Aargauer Zeitung

Entgegen mehrfachem «keine weitere Auskunft» erscheint am Montagmorgen ein ausführliches Interview mit dem AZ-Chefredaktor Christian Dorer, der Versuch eines «Befreiungsschlags». Ein Interview-Bild, welches normalerweise solche Gespräche glaubhaft dokumentiert, gibt es nicht. Die Interview-Fragen versuchen das gesamte kritische Spektrum abzudecken, was grundsätzlich gut ist – wenn denn die Antworten nachvollziehbar überzeugen. Auffallend und bezeichnend ist: Zahlreiche Fragen ergeben sich ausschliesslich aus der ungenügenden Kommunikation der Vortage und versuchen erneut, vorangehende Versäumnisse auszubügeln:
http://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/philipp-mueller-das-ist-der-schlimmste-tag-meines-lebens-129548378
Wieder erwähnt er, er wolle sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Philipp Müller muss sich nun offenkundig dafür rechtfertigen, was seine Kommunikation in den ersten Tagen an Lücken und Fragezeichen hinterlassen hat. Ob das Interview als «Befreiungsschlag» taugt, misst sich an der Glaubwürdigkeit: Wie glaubwürdig wirken diese Rechtfertigungen im Nachhinein noch? Ist nicht zu viel Vertrauen verloren gegangen durch die Zurückhaltung am Anfang? Von «Schock» und «Erinnerungslücken» war zu Beginn überhaupt keine Rede. Im Gegenteil: Am Freitagabend wusste Philipp Müller gemäss der Stellungnahme in seinem Namen ganz genau, welche Fehler er nicht gemacht hatte: «Ich habe nicht telefoniert oder am Handy manipuliert, was nach dem Unfall durch eine erste Handy-Kontrolle im Beisein der Polizei bestätigt wurde. Ebenso war ich auch nicht anderweitig abgelenkt, und gemäss den heutigen Erkenntnissen liegen keine Anhaltspunkte für eine unangemessene oder überhöhte Geschwindigkeit vor. Ich habe mich vor und während der Fahrt fit gefühlt.» Neu nun erläutert er, er habe über einen längeren Zeitraum «Null Erinnerung!» und wolle sich deswegen ärztlich untersuchen lassen. Wieso er dies nicht von Beginn weg kommuniziert hat, bleibt offen. Denn das wäre ja nachvollziehbar gewesen – zu Beginn. Und es hätte Spekulationen effektiv vorgebeugt. Nun erscheinen Rückzug vom Wahlkampf und ärztliche Untersuchung weniger als Gesten aus Respekt zum jungen Opfer, sondern vielmehr als kommunikative Nothandlungen. Der Wechsel vom Eindruck, er habe nichts falsch gemacht hin zu «Ich weiss nichts mehr» erscheint schwer nachvollziehbar.

«Gesunder Menschenverstand wird fatalerweise oft von der Existenzangst übersteuert»

Auf den ersten Blick mögen die diversen, immer ausführlicheren Erklärungen geschickt erscheinen. Doch die häppchenweise gelieferten Informationen bergen ein enormes Risiko zu Widersprüchlichkeiten, die dem FDP-Präsidenten zum Verhängnis werden könnten. Es ist ein Teufelskreis, der dazu führt, dass sich Philipp Müller stets von Neuem kritischen Fragen ausgesetzt sieht. Es besteht die Gefahr, dass der FDP-Chef zur ernsthaften Hypothek für seine Partei wird – mitten im Wahlkampf. Nochmals: Nicht wegen des Unfalls an sich, sondern wegen des Umgangs damit auf Handlungs- und Kommunikationsebene, die seine ohnehin schon schwere Belastung nur noch grösser werden lassen. Er hat es bisher weitgehend versäumt, persönlich Verantwortungsbewusstsein zu zeigen und real geradezustehen. Bis dato sind überdies kaum Selbstkritik oder Ansätze eines Fehlerbewusstseins erkennbar. Mit schriftlichen Stellungnahmen wird dies auch in Zukunft nicht gelingen. 

All diese Reaktionsmuster sind menschlich nachvollziehbar. Sie basieren im Grunde immer auf der Angst vor der negativen Schlagzeile. Diese gälte es von Beginn weg zu überwinden und Entwicklungen zu antizipieren, was gute Krisenberater beherrschen. Das ist ein fundamentaler Unterschied zur klassischen PR-Beratung. Betroffene müssen befähigt und unterstützt werden, zu Beginn eine öffentliche Aufmerksamkeit in einer heiklen Situation in Kauf zu nehmen. Bei glaubwürdigem, emphatischem Verhalten bleibt diese jedoch von kurzer Dauer oder führt gar zu einem Vertrauensgewinn. Die Erfahrung in der Krisenberatung zeigt denn auch, dass zunehmend die psychologischen Komponenten über Erfolg und Misserfolg im öffentlichen Krisenmanagement entscheiden. Gerät jemand unvermittelt in den Fokus oder unter Druck der Medien, gilt es in erster Linie diese Ängste zu überwinden. Betroffene müssen den Mut finden, bei enormer Belastung nach gesundem Menschenverstand zu handeln und zu kommunizieren. Offen und ehrlich eben. Doch der gesunde Menschenverstand wird fatalerweise oft von der Existenzangst übersteuert, in ein typischen Reaktionsmuster (Vertuschen, Klein-/Schönreden, Verstecken/Aussitzen, Rechtfertigen, Nothandlungen) führt. Nicht selten endet das Muster mit einschneidenden persönlichen Konsequenzen, weil zu späte Erklärungen als nachträgliche Schutzbehauptungen wahrgenommen werden. 

Am Ende zählt letztlich die Glaubwürdigkeit, die man nur durch ehrliches, authentisches Verhalten erreichen kann, das von Verantwortungsbewusstsein zeugt. Taktische PR-Spielchen, die das menschliche Reflexsystem verschleiern sollen, führen unweigerlich in den erwähnten Teufelskreis der Salamitaktik. Im Fall von Philipp Müller bedeutet dies: Er hätte von Anfang an persönlich offen, ehrlich und umfassend von seinem Unfallerlebnis erzählen müssen. Aktiv und emotional betroffen, bevor es «enthüllt» wurde. Und so, wie es in seinen Augen tatsächlich passiert und abgelaufen ist. Einer Schlagzeile zum Trotz, dafür vielen weiteren Schlagzeilen vorbeugend und seine Glaubwürdigkeit stärkend.

Folgebeiträge
«Der Kommunikationscrash des Philipp Müller» (Blick, 15.9.2015)
«Müller avait fair ‚tuner‘ son bolide» (Le Matin, 15.9.2015)
«Beulen im Image – FDP-Präsident macht vor, wie man Krisen entschärft» (Tages-Anzeiger, 16.9.2015)
«Müllers Handy beschlagnahmt» (Blick.ch, 16.9.2015)
«Die offenen Fragen im Fall Müller» (20 Minuten, 17.9.2015)
«Menschliches Versagen – Philipp Müllers Fahrt in Abgründe» (Die Weltwoche, 17.9.2015)
«Das sind die offenen Fragen im Fall Müller» (20 Minuten Online, 17.9.2015)

Nachtrag 27.10.2015
«Ich habe mich vor und während der Fahrt fit gefühlt», erklärte Philipp Müller am 12. September 2015 in einer Stellungnahme. Nach den Wahlen nun vermutet er die Ursache für seinen Autounfall bei einem Sekundenschlaf, der womöglich auf die Krankheit Schlafapnoe zurückzuführen sei.

«Alles deutet auf einen Sekundenschlaf hin» (Watson, 26.10.2015)
«Übermüdet am Steuer: Ursache für Philipp Müllers Sekundenschlaf ist weniger klar, als er sagt» (Der Bund, 27.10.2015)

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