NZZ-Redaktor im «Shitstorm»

Einmal mehr stellt sich die Frage: Kann man «privat» twittern? Einmal mehr lautet die Antwort: Nein. Selbst wer glaubt, als Privatperson aufzutreten, setzt im Zweifelsfall die Reputation seines Arbeitgebers aufs Spiel. Dies zeigt das aktuelle Beispiel eines Redaktors der «NZZ am Sonntag».

Urs Rauber, Twitter, NZZ, Juden, Shitstorm

Auslöser: Tweet zu einem Beitrag von SRF Kultur über Rechtsextremismus.

Es ist eine zeitgenössische Wechselwirkung: Wer ungeschickt twittert oder auf Facebook in der Wortwahl vergreift, riskiert umso eher einen Shitstorm, wenn ein streitbarer Kontext zur beruflichen oder politischen Tätigkeit herstellbar ist. Das zeigt das jüngste Beispiel des Twitterers @ZeitRauber. Wäre er nicht Redaktor bei der renommierten «NZZ am Sonntag», sein zweifelhafter Tweet hätte wohl halb so viel Aufmerksamkeit erregt. Kritik und Widerspruch hätte er sicherlich so oder so ausgelöst. Doch erst die Verknüpfung mit dem Arbeitgeber NZZ enthielt das wahre «Shitstorm»-Potenzial.

Denn von Mitarbeitenden einer seriösen Zeitung wird allgemein erwartet, sie mögen sich öffentlich mit Bedacht äussern. Oder sie würden eine Unbedachtheit wenigstens erkennen, einsehen und wenn nötig korrigieren. Doch Einsicht war im Fall des NZZ-Redaktors selbst dann nicht wahrnehmbar, als der Entrüstungssturm so richtig losfegte und ausserhalb des Mediums Twitter Niederschlag fand («Redaktor sorgt für Aufregung auf Twitter» / «NZZ-Redaktor sorgt mit Tweets für Empörung»). In der Empfindung des Publikums taucht daher unvermittelt die Frage auf, ob die umstrittene persönliche Haltung des Redaktors ebenso in die Zeitung einfliesst. Das ist vorliegend – im Zusammenhang mit Rechtsextremismus und Antisemitismus – besonders delikat. 

NZZ Urs Rauber Krisenkommunikation

Reaktion: NZZ am Sonntag distanziert sich auf Twitter.

Die ohne erkennbare Selbstkritik verfassten Instant-Reaktionen des Autors trugen nicht dazu bei, den «Shitstorm» zu entschärfen. Damit entwickelt sich der Tweet erst recht zur Belastungsprobe für die NZZ bzw. deren Sonntagsausgabe. Ebenfalls via Twitter hat sich die @NZZaS am Mittwoch von der Äusserung ihres Mitarbeiters distanziert. Ob das genügt oder ob weitere Massnahmen notwendig sind, wird sich weisen. Tatsache ist: Die Reputation der NZZ droht veritablen Schaden zu erleiden. Daran ändern alle Hinweise nichts, wonach sich der Redaktor als «Privatperson» geäussert habe. Diese Rechtfertigung verfehlt ihre Wirkung, weil sie als Begründung im journalistischen Kontext weder überzeugt noch nachvollziehbar wirkt. Sie wird somit nicht als glaubwürdig wahrgenommen.

Das Beispiel von @ZeitRauber zeigt ganz generell: Der weit verbreitete Hinweis im eigenen Profil («twittere privat») ist im Zweifelsfall untauglich. Namentlich bei Äusserungen, die als Grenzüberschreitung wahrgenommen werden, gibt es keine klare Trennung von privat und geschäftlich. Es schwingt stets das Risiko mit, dass eine ungeschickt verbreitete Botschaft auf das Unternehmen abfärbt. Das sollte spätestens seit dem medialen Hype im Fall eines SBB-Sprechers bekannt sein.  

Zum Thema:
«Charly hat Twitterdienst» (Zentral+, 30.7.2015)
«Steffi Buchli: Moderatorin stellt Kritiker an den Pranger» (Blick.ch, 27.8.2015)

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5 thoughts on “NZZ-Redaktor im «Shitstorm»

  1. Ob der Ruf der NZZ gleich „veritablen Schaden“ nimmt, wenn eines seiner Redaktionsmitglieder neben der Spur twittert, glaube ich nicht. Falls doch, hätte das Weltblatt ein Problem, das sehr viel tiefer geht als eine mehr oder weniger achtlos ins Blaue hinaus abgesonderte Meinungsäusserung eines Mitarbeitenden.

    Schaden nimmt allenfalls der Ruf des Twitternden selber. Zumindest im Fall „Charly“ (siehe hier http://www.zentralplus.ch/de/news/gesellschaft/4018418/%C2%ABCharly-hat-Twitterdienst%C2%BB.htm) kann erfahrungsgemäss davon ausgegangen werden, dass dessen Opfer (oder „Opfer“; je nachdem, wie ernst man die Sache nimmt) sich hüten wird, mit dem betreffenden Twitterer weiterhin journalistische Kontakte zu pflegen. Von diesem Punkt aus ist es nicht mehr sehr weit bis zu einem „flächendeckenden“ Abbruch der beruflichen Beziehungen; erst innerhalb der Partei, dann auch über die deren Grenzen hinaus.

    Darunter leidet – sofern sie personell einigermassen gut aufgestellt ist – jedoch weniger die Arbeitgeberin des Twitterers, als vielmehr dessen Renommee als ernstzunehmender Journalist. Irgendwann berichtet er wieder über Chüngelizüchter-Versammlungen und Turnerabende, und spätestens dann dürfte ihm schmerzlich bewusst werden, dass auch vermeintlich kleine Ursachen verheerende Auswirkungen haben können (wobei damit nichts gegen Chüngelizüchter oder Turnvereine gesagt sei!).

    • Selbstverständlich leidet zunächst das Ansehen der twitternden Person selber. Allerdings ist es ziemlich blauäugig zu glauben, eine solche Geschichte färbe nicht ernsthaft auf den Arbeitgeber ab. Das zeigt ja gerade die Reaktion der NZZaS via Twitter, die offensichtlich Schaden abzuwenden versucht. Und im sehr ähnlich gelagerten Fall aus Zug dürfte das letzte Wort noch nicht geschrieben sein… Etwas vom Gefährlichsten ist stets, ein „Shitstörmchen“ zu unterschätzen und kleinzureden. A suivre.

      • Ja, klar.

        Die grosse Frage ist einfach, was vielversprechender ist: darauf zu hoffen, dass sich das „Shitstörmchen“ innert nützlicher Frist von selber legt – oder zu versuchen, es zu „bodigen“, bevor es sich zu einem Sturm auswachsen kann.

        Ersteres wäre wohl naiv. Letzteres birgt das Risiko, dass es sich durch die erhöhte Aufmerksamkeit fast von selber verselbstständigt.

  2. Auch spannend die Analyse zwischen Spiess-Hegglin und dem Luzerner-Zeitungs-Redaktor, gut aufgearbeitet bei Zentralplus: http://www.zentralplus.ch/de/news/gesellschaft/4018418/%C2%ABCharly-hat-Twitterdienst%C2%BB.htm
    Für mich ist es ohnehin ein lächerliches Feigenblatt, wenn Personen der Öffentlichkeit meinen, sich mit Methoden der alten Welt in einer neuen behelfen zu können. Feigenblatt-Mentalität, v.a. bei Journis, die sich sonst ja gern hinter ihrem Verlag bzw. Medienmarke verstecken, wenns brenzlig wird.

  3. Der zuoberst angeführte Tweet rechtfertigt nicht im mindesten die Reaktionen, die Herrn Rauber jetzt zum Antisemiten abstempeln wollen. Dass ein einzelnes Wort wie „läppisch“ in eine Verniedlichung des Holocaust umgedeutet wird, sagt mehr über diejenigen aus, die Herrn Rauber schon immer nicht gemocht haben. Wie vielen von uns hat zudem der Deutschlehrer in der Schule eine unpassende Wortwahl in Aufsätzen angestrichen und wir verwenden sie munter weiter? Es hat nicht jeder das Gespür für die richtige Wortwahl im richtigen Moment – siehe auch den umstrittenen Tweet von Doris Leuthard. Auch dürfen Menschen, die intellektuell hochbegabt sind, Emotionen haben und im Eifer des Gefechts etwas Unbedachtes tippen – siehe den Kristallnacht-Twitterer.

    Zum öffentlichen Charakter von Tweets im Sinne der Zugänglichkeit, ergibt sich nicht der Gegensatz der Privatheit als Abwesenheit des Arbeitgebers. Diese Bedeutungen können sich überschneiden. Sonst hätte man Oskar Freysinger als Lehrer freistellen müssen, weil er die Kinder verdirbt. Solange Herr Rauber bei der NZZ seine Rolle als Journalist erfüllt, gibt es daher kein Problem, wenn er eine unbedachte Äusserung fallen lässt, die an einem Wort aufgehängt wird. Wenn man zudem noch seine Intention verzerrt, indem man seine Berichtigung, er hätte es nicht so gemeint, kleinredet, führt man die Bedeutung von „Öffentlichkeit“ ad absurdum. Denn die Öffentlichkeit schliesst die angegriffene Person ein, und diese hat ein Recht darauf, ihre eigene Meinung nicht auf einen Tweet verkürzen zu lassen. Ein faires Tribunal beurteilt den Angeklagten nicht nur nach der Interpretation aller, die sich gegen ihn stellen.

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