Kein Kommentar, keine Stellungnahme, nichts zu sagen.

Auch im neuen Jahr scheint sich an der gängigen Kommunikationspraxis in Krisen und bei Skandalen wenig zu ändern: Betroffene Akteure legen sich einen Maulkorb um, wenn sie öffentlich schwierige Situationen zu meistern haben. Sie verspielen damit die einmalige Chance, sich zu profilieren, das Gesicht zu wahren und Glaubwürdigkeit zu schaffen. 



Eine unvollständige Liste über die letzten zwei Wochen:

Bruno Zuppiger (SVP, Ex-Bundesratskandidat, Ex-Nationalrat, Ex-Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbandes, verurteilt wegen Veruntreuung): «Nichts mehr zu sagen»

Konrad Hummler (Wegelin-Bankier, in den USA schuldig wegen Beihilfe zum Steuerbetrug): «Für eine Stellungnahme nicht erreichbar»

Konrad Hummler (do., klagt gegen CVP-Präsident Christophe Darbellay und Medien): Und schweigt dazu – «Hummler sieht rot»

CS Credit Suisse (Grossbank im Clinch mit den US- und Schweizer Behörden): «Auf mehrmalige Nachfragen keine Stellungnahme»

Bernisches Amt für Migration (Setzt umstrittene Erlasse in Kraft und sagt nicht wieso): «Kein Kommentar, besten Dank für Ihre Kenntnisnahme»

Peer Steinbrück (SPD-Kanzlerkandidat im Umfragetief): «Kein Kommentar»

Ernst Strasser (ÖVP, bestechlicher ehemaliger Innenminister Österreichs): «lässt ausrichten: Kein Kommentar»

Rafael van der Vaart (29, Fussballprofi beim Hamburger SV, getrennt oder auch nicht von seiner Gattin Silvie): «steigt schweigend ins Taxi»

Die weit verbreitete No-Comment-Taktik ist in vielen Fällen menschlich nachvollziehbar – oder durch Anwälte verordnet. Allerdings führt dieser Weg des geringsten Widerstands leider mitnichten dazu, die Betroffenen aus den negativen Schlagzeilen zu bringen – geschweige denn, ihre Glaubwürdigkeit zu stärken. Im Gegenteil: Wer in kritischen Situationen schweigt, erweist sich in der Regel selber einen Bärendienst. Die negativen Stimmen erhalten medial umso grösseres Gewicht, schlimmstenfalls wird die Geschichte durch Spekulationen zusätzlich angeheizt und in die Länge gezogen. Darunter leiden die Reputation und das Vertrauen in die Betroffenen.

Dass es auch anders geht, beweisen Beispiele wie der amerikanische Flugzeughersteller Boeing: Dessen CEO Jim McNerney nimmt ausführlich Stellung zu den aktuellen Sicherheitsproblemen mit dem Superjet Dreamliner. Damit signalisiert er, dass Boeing die Probleme ernst nimmt und gewillt ist, diese zu lösen. Eine gute Basis, um im aktuellen Desaster längerfristig wieder Vertrauen herzustellen. Das funktioniert auch in kleinerem Rahmen, wie Peter Hogenkamp, Leiter Digital der NZZ, zeigt. Er hat auf Berichte über die schwierige Situation rund um die Paywall bei der Neuen Zürcher Zeitung und seine Abwesenheit unverzüglich mit einem offenen Blogbeitrag reagiert und so weiteren Spekulationen Einhalt geboten. Was wäre wohl passiert, wenn er ein „No comment“ hätte ausrichten lassen?

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