Fall Geri Müller: Vom medialen Drang zur Skandalisierung

Die Entwicklungen im «Fall Geri Müller» sind kein Zufall. Sie sind vielmehr ein Spiegel für den desolaten Zustand der Medien. Es gibt gute Gründe, weshalb die Schweizer Medienhäuser ihre Arbeit selbstkritischer reflektieren sollten. Die Leserschaft hätte mehr Ausgewogenheit, Transparenz und somit ein Gesamtbild von Stories verdient. Sonst droht dem Journalismus ein weiterer Verlust an Ansehen und Glaubwürdigkeit.

Seit vergangenem Sonntag dominiert ein Thema die Schweizer Medien und deren Beobachter auf Twitter: #GeriGate – ein vielschichtiger Medienskandal erster Güte. Eine kleine Chronologie findet sich am Schluss dieses Krisenblog-Posts.

In der Causa Geri Müller sind noch einige Fragen und Widersprüche offen. Diese werden nach und nach zur Nebensache, wesentlich bedeutender für die Schweiz ist die Mediencausa. Bisher jedenfalls haben alle Beteiligten wenig dazu beigetragen, die Angelegenheit und die Hintergründe zu klären. Am allerwenigsten die Medien, die inzwischen Teil der Affäre sind. Auch nach fünf Tagen wilden Schreibens ist es den Medienschaffenden nicht gelungen, ein Gesamtbild im „Fall Geri Müller“ zu zeichnen. Stattdessen werden bruchstückhaft Puzzleteile am Laufmeter produziert. Wen wundert es da, dass sich viele Leser für dumm verkauft vorkommen und die Glaubwürdigkeit der Medien hinterfragen. Damit ist ein allgegenwärtiges Dilemma auf dem Tisch: Im digitalen Medienzeitalter herrscht ein Kampf um die schnellsten News (Aufmerksamkeit) und die meisten Klicks (Werbeeinnahmen). Jedes vermeintliche Filetstückchen wird als Exklusivität präsentiert. Journalisten jagen sich von einer Breaking News zum nächsten Liveticker. Unter diesem Druckgefüge leiden Sorgfalt, Ausgewogenheit und Qualität. Besonders bedenklich ist die Entwicklung, wenn Akteure gnadenlos vorverurteilt werden und gar offensichtlich auf ein Köpferollen abgezielt wird. Fast könnte man den Eindruck erhalten, dass manche Journalisten in einer Existenz- und Überlebensangst selber den Kopf verlieren und deshalb auch den Blick für ein relevantes Gesamtbild. 

Wozu braucht es die klassischen Medien heute noch, wenn nicht zum Vermitteln eines Gesamtbildes?
Allein, wenn nicht zur Vermittlung eines Gesamtbildes und dessen Einordnung – wozu sonst braucht es die «klassischen» Medien heute noch? Informationen und Meinungen fliessen im Internet-Zeitalter auch ohne die klassischen Medien. Doch statt ihre Rolle und Funktion selbstkritisch zu überdenken, geben sich viele Medienschaffende der Illusion preis, dass Schnelligkeit und Aufmerksamkeit der richtige Weg sind. Auf der Strecke bleibt die journalistische Qualität, zurück bleiben mediale Opfer. Auf der Strecke bleibt ebenso das Ansehen des Journalismus‘. Noch haben die Medien offenbar nicht gemerkt, dass sie an ihrem eigenen Stuhlbein sägen. Freilich ist das Vermitteln eines Gesamtbildes nicht einfach, wenn die Zeit drängt und der Platz zum Schreiben begrenzt ist. Doch hier dürfte die Leserschaft erwarten, dass professionelle Journalisten dieses Handwerk beherrschen. Und dass im Zweifelsfall mit einer Publikation zugewartet sind, bis die wesentlichen Fakten bekannt sind.

Der Teufelskreis der Skandalisierung hat verheerende Auswirkungen für Betroffene
Wer sich täglich mit Krisenkommunikation beschäftigt weiss, welch schwerwiegende Folgen diese Entwicklung hat. Da werden in Unkenntnis oder unter Ausblendung wesentlicher Fakten Geschichten „gepusht“, die Betroffene unter enormen psychischen Druck setzen und Existenzen zerstören können. Unter Ausblendung des gesamtheitlichen Bildes. Sicher, oftmals sind es Menschen und Institutionen, die Fehler begangen haben. Doch vielfach handelt es sich um Sachverhalte, die eine häppchenweise «öffentliche Sezierung» niemals rechtfertigen. Im Extremfall werden Anschuldigungen und Verdächtigungen publiziert, deren teilweise oder vollständige Entkräftung hernach weggelassen oder scheinheilig zurechtgebogen wird (Beispiel Basler Zeitung: «Auf die Scham folgt der Gegenangriff»). Ähnlich oder gar schlimmer als im Fall Geri Müller noch, wo sich interessanterweise einzelne Medien wie die Weltwoche nun als Wächter von Moral und Ethik aufspielen, die in anderen Fällen ebenso hemmungslosen «Kopfgeldjäger-Journalismus» betreiben. Doch wissen wir, ob in diesem Fall die Weltwoche ein ganzes Bild gezeichnet hat oder nicht auch bewusst gewisse Puzzleteile wegliess?

Ein Blick auf die mediale Eigendynamik lohnt sich. Der Mechanismus ist praktisch stets derselbe: Am Anfang steht eine Geschichte, nicht selten sogar sorgfältig und sauber recherchiert. Danach scheint der Rausch anzufangen. Von Medium zu Medium wird abgeschrieben, im Minutentakt aktualisiert, von Quellenprüfung keine Spur. Publizieren kommt vor verifizieren. Je weniger Fakten vorliegen, desto mehr Spekulationen und Expertenmeinungen kommen zum Zug (der Schreibende hatte am Dienstag sieben(!) Interviewanfragen zu Geri Müller, die er allesamt ablehnte). Manche Journalisten lesen die Initialstory nicht präzise, andere hinterfragen sie nicht. Hauptsache, die Skandalisierung kommt so richtig in Fahrt. Und so schwirren selbst Falschmeldungen und Halbwahrheiten sekundenschnell durch die Glasfaser- und WLAN-Netze – und provozieren wiederum kontroverse Debatten und – nicht selten manipulierte – Kommentare. Eine spätere Korrektur in Richtung Wahrheit ist kaum noch möglich. Es interessiert niemanden mehr, längst wartet die nächste Story. Ungeachtet der Folgen für Betroffene. Es ist ein Teufelskreis. Ohne Vorbereitung sind die betroffenen Akteure meistens nicht in der Lage, sich rasch genug und adäquat zu wehren. Auch Geri Müller liess zu viel Zeit verstreichen, was die Skandalisierung seines Fehlverhaltens beschleunigte. Nur wer die Mechanismen kennt, vorbereitet ist und geschickt agiert, kann den Kreislauf bremsen oder gar unterbrechen.

Der Quellenschutz darf kein Mittel für fragwürdige Instrumentalisierung sein
Der «Fall Geri Müller» an sich ist mit seinen Weiterungen schon seltsam genug. Und er zeigt in bizarrer Weise die Skandalisierungs-Mechanismen auf. Besonders bedenklich: Eine einzige Person kann es heute schaffen, nicht nur einen Politiker in ärgste Bedrängnis zu bringen, sondern gleichzeitig die Medien selber der Lächerlichkeit preiszugeben. Noch kennt die Öffentlichkeit nicht alle Hintergründe. Doch was heute bereits bekannt ist, bedeutet nichts Gutes: Es wird vielmehr offenbar, wie einfach es ist, Medien zu instrumentalisieren bzw. wie einfach sich Medien für Manipulationen hingeben. So wurde in den letzten Tagen immer deutlicher, dass eine «33-jährige Gymnasiallehrerin» kaum so gezielt und häppchenweise Details an Medienredaktionen streuen kann.

Exemplarisch muss sich nun Patrik Müller, Chefredaktor der Schweiz am Sonntag, in Krisenkommunikation für die gesamten Fehlentwicklungen in der Branche üben. Wird er gar zum Bauernopfer? Besonders kritisch zu hinterfragen ist tatsächlich die medienethische Vertretbarkeit der Tatsache, dass Skandale und Enthüllungsstories zunehmend von sogenannten «Strippenziehern» initiiert und beeinflusst werden. Mehr oder weniger offensichtlich, mehr oder weniger stümperhaft. Wie dies Tages-Anzeiger und Der Bund heute im Fall Geri Müller publik gemacht haben. Vorausgesetzt natürlich, wie immer, dass diese Story stimmt. Wobei die Medien wissen ja im Grunde selber am besten, wer ihnen solche Geschichten „steckt“. So zeigt die Causa Müller einen eklatanten Widerspruch auf: Medien sind die Ersten, die nach Transparenz verlangen und die Letzten, die sie ihrer Leserschaft selber bieten. Notfalls dürfen sich Journalisten immer hinter dem «Informantenschutz» verstecken. Das könnte, gerade in im aktuellen Kontext, verlogen wirken. Der Quellenschutz macht in gewissen Fällen sehr wohl Sinn. Doch er ist insbesondere dann kritisch zu hinterfragen, wenn hinter den Kulissen womöglich die grösseren «Gauner» stehen als jene, die vorne im Rampenlicht demontiert werden.

Fakt ist: Die gegenseitig befruchtende Symbiose zwischen Medien und «PR-Beratern», die mit fragwürdigen Methoden operieren und manipulieren, existiert. Seitens Medien besteht allerdings wenig Interesse, diese entscheidenden Facetten auszuleuchten und Licht in die Hintergründe zu bringen. Es könnte ja ein schiefes Licht sein. Chefredaktoren und Journalisten könnten ja stattdessen ihre publizistische Verantwortung übernehmen und sich von Fall zu Fall fragen, welche Absichten und Ziele die «Hintermänner» verfolgen, die solche «PR-Berater» anheuern. Es würde das Gesamtbild in vielen Fällen vermutlich bedeutend korrigieren. Vielleicht gäbe es den einen oder anderen «Primeur» weniger. Was solls? Der Primeur ist ein Relikt journalistischer Eitelkeit, das die Medienkonsumenten wirklich nicht interessiert. 

Chefredaktoren stehen in der Verantwortung, den Spiegel für selbstkritische Reflexion zu nutzen
Der Fall Geri Müller dürfte noch einige Opfer von allen Involvierten fordern, die angesichts der Tragweite der Ursprungsgeschichte viel zu gross sind. Er wäre in einem breiteren Kontext indes eine Chance. Weil der Fall ausnahmsweise Mechanismen zu Tage fördert, die dem Publikum im Normalfall verborgen bleiben. Er ist ein Spiegel, der den Schweizer Medien den eigenen desolaten Zustand vor Augen führt. Einen Zustand, den die Öffentlichkeit nicht mehr akzeptieren sollte. Bezeichnend dafür ist ein Tweet von Medienjournalist Nick Lüthi: «Medien sehen öffentliches Interesse mit dem Wirbel begründet, den sie selbst ausgelöst haben.» 

Es braucht also dringend eine kritische Selbstreflektion in den Medienhäusern. Die Medien sehen sich oft als vierte Gewalt im Staat. Sie sind mit Sonderrechten ausgestattet, entsprechend müssten sie ihre Verantwortung wieder ernster nehmen. Wie an Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens, sind die Medien besonders hohen Qualitätsansprüchen verpflichtet. Dieses Bewusstsein sollten Fälle wie jener von Geri Müller schärfen. Letztlich läge dies auch im Interesse der Journalisten. Denn es geht um ihr Ansehen. Wenn die Medien ihre eigene Glaubwürdigkeit bewahren wollen, bräuchte es diese Diskussion in «eigener Sache». Stattdessen ist zu befürchten, dass sich die Verantwortlichen – Chefredaktoren und Verleger – in Schweigen hüllen und zum hektischen Alltag zurückkehren. Selbstkritik gehört leider nicht zu den Stärken der Medienbranche. Doch wie schreibt Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel heute so treffend: «Wer ohne Fehl und Tadel ist, der werfe den ersten Stein.» Was zunächst selbstkritisch klingt, lässt sich auch als Persilschein für die eigene Arbeit verstehen. Das wäre ein falsches Signal. Denn der Zeitpunkt wäre günstig, wenn jemand diesen ersten Stein ins Rollen brächte. Die Leserschaft würde es vermutlich sogar verzeihen, wenn «ohne Fehl und Tadel» für einmal aussen vor gelassen würden. 

Nachtrag
Wie nervös gewisse Chefredaktoren angesichts des Falls Geri Müller und der mutmasslichen Verstrickungen sind, zeigt die Tatsache, dass gleich mehrere von ihnen etwa bei «20 Minuten» oder beim «Blick» höchstpersönlich in die Tasten greifen. Blick-Chefredaktor René Lüchinger beispielsweise publiziert eine «Infografik», welche Verbindungen der verschiedenen Akteure aufzeigen soll. Das Erstaunliche dabei: Lüchinger kommt selber in seiner Grafik und bewertet die Akteure selber. Wie glaubwürdig ist ein Chefredaktor in dieser Situation? Wie glaubwürdig ist der stv. Chefredaktor von «20 Minuten» Peter Wälty, wenn er einem PR-Berater diese Plattform bietet, ohne hartnäckig auf Widersprüche hinzuweisen und den Lesern aufzuzeigen, dass sich der PR-Berater selber als Opfer darstellt? Hier setzen sich die Chefredaktionen bewusst oder unbewusst dem schalen Beigeschmack aus, sich zu Handlangern einer Instrumentalisierung zu machen, die den Lesern verborgen bleibt. Jedenfalls stellt sich nun heraus, dass der u.a. in «20 Minuten» und «Blick» mit Samthandschuhen «PR-Profi» entgegen seinen Angaben sehr wohl in die Affäre involviert ist (interessante Fortsetzung hier). Einzelne Medien setzen sich damit dem Eindruck aus, fragwürdige Vorgänge im eigenen Interesse zu schützen, womit sie erneut ihre eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. Das mag als Nebengleis erscheinen, das Gesamtbild für die Leser und die Situation der Betroffenen kann es jedoch wegweisend beeinflussen.

Ein positives Signal setzt demgegenüber die Aargauer Zeitung unter dem selben Verlagsdach wie die Schweiz am Sonntag: AZ-Chefredaktor Christian Dorer zieht eine Bilanz, die aus einer angenehmen Distanz gezogen wirkt – und übt dabei auch Selbstkritik an den Medien. Bleibt zu hoffen, dass der selbstkritische Blick nicht auf den Wochenkommentar beschränkt bleibt und auch von anderen Chefredaktoren als Anlass für einen kritischen Diskurs genommen wird. Liest man den demgegenüber die Einschätzung von TA-Chefredaktor Res Strehle («Die Medien haben ihren Job überwiegend gut gemacht») bestehen einmal mehr berechtigte Zweifel am Willen oder der Fähigkeit zu einer selbstkritischen Reflexion. Es entsteht überdies der Eindruck, weil die Medien selbst kritischen Fragen ausgesetzt sind, diese lieber langsam zur Tagesordnung übergehen möchten. Dieses Kalkül dürfte nicht aufgehen: #Gerigate liefert zunehmend entlarvenden Anschauungsunterricht, in dem eine «33jährige Gymnasiallehrerin» etlichen Vertretern der Medien-, Spindoctor- und Politikerzunft die «Hosen runterlässt». Fortsetzungen garantiert. 

Ausgewählte Artikel zum Thema:
«Wenn eine Baden-Reise zum Thema wird» (Infosperber, 21.8.2014)
«Die Verantwortung spielt eine wichtige Rolle» (Persönlich, 19.8.2014)
Nackt-Selfie-Affäre in der Schweiz: «Jetzt muss er auf die Knie» (Stefan Niggemeier, 20.8.2014)
«Eine erste Bilanz zu #Gergate» (Tages-Anzeiger, 23.8.2014)
«Was von der Affäre um Geri Müller bleibt» (Aargauer Zeitung, 23.8.2014)
«Causa Geri Müller: Widersprüche und Schuldzuweisungen» (NZZ, 25.8.2014)
«Wie die Affäre Gerigate in die Medien kam» (Tages-Anzeiger/Der Bund, 25.8.2014)
«Krisenkommunikation zu #Gerigate: Chefredakteure auf dünnem Eis» (Der Krisenblog, 25.8.2014)
«Gerigate – ein Märchen für Erwachsene» (Südostschweiz, 26.8.2014)
«Ohne Privatheit stirbt die Freiheit» (Weltwoche, 28.8.2014)
«Tritt Geri Müller jetzt ab, wird armseliger Journalismus belohnt» (NZZ am Sonntag, 7.9.2014)
«Im Interesse der Öffentlichkeit» (SonntagsZeitung, 14.9.2014)
«Medienschlacht mit intimen Chats» (NZZ am Sonntag, 2.11.2014)

 

 

aktualisiert am 23.8.2014 | 13:30 Uhr

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6 thoughts on “Fall Geri Müller: Vom medialen Drang zur Skandalisierung

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