Fall Geri Müller: Patentrezepte helfen nicht bei Fehlhandlungen

Der Badener Stadtammann und Grüne Nationalrat Geri Müller gerät wegen «Nackt-Selfies» in die Schlagzeilen. Das ruft neben vielen anderen auch die Frage nach der Art und Weise der Krisenkommunikation auf. Warum gängige Ratschläge in einem solchen Fall nicht helfen – und weshalb Geri Müller seine aktuelle politische Karriere nicht mehr retten kann. Daran dürfte auch der (zu kurz) geratene Befreiungsschlag nichts ändern. Artikel aktualisiert am 23.8.2014 / 09:00 Uhr.

Geri Müller Nackt-Selfie KrisenkommunikationDiese Lawine wird nicht mehr durch gängige Krisenkommunikation zu stoppen sein. Seit die «Schweiz am Sonntag» die «Nackt-Selfie»-Affäre um den Grünen Nationalrat und Stadtpräsidenten Geri Müller publik gemacht hat, dreht das mediale Skandalisierungs-Rad unaufhaltsam. Und es wird nicht durch reine Kommunikations-Plattitüden zu bremsen sein. Geri Müller stolpert über Nacktbilder, die er offenbar in seiner Arbeitsumgebung geschossen und verschickt hatte. Inzwischen hat der Badener Stadtrat ihren Stadtpräsidenten vorläufig vom Amt entbunden. 

Kann sich ein Politiker beim Vorwurf derartigen – primär moralischen – Fehlverhaltens mit gängigen Ratschlägen wie «Hosen runterlassen», Pressekonferenz veranstalten und «alles auf den Tisch legen» aus der Affäre ziehen? Das wird definitiv nicht funktionieren. Zumal auch bereits der Vorwurf des Amtmissbrauchs im rechtlichen Sinne laut wird. Als öffentliche Amtsperson werden Menschen wie Geri Müller an besonders hohen moralischen Ansprüchen gemessen. Das ist die heutige Medienrealität. Rechtlich korrektes Verhalten und entsprechende Begründungen genügen bei weitem nicht. Überdies hat Müller in einer ersten Reaktion, die sich bis heute Morgen nicht einmal auf seiner Webseite befand, wenig einsichtig gezeigt. Vielmehr noch versucht er mehr oder weniger subtil sogar die «Schuld» von sich zu weisen auf die Frau, mit der er die Nacktbilder ausgetauscht hatte. Der untaugliche Versuch, die Affäre auszusitzen, ist evident. Das ist – in derart extrem belastenden Situationen – eine menschlich nachvollziehbare Reaktion, die jedoch äusserst uncharmant und kontraproduktiv wirkt. Auch der gerne gewagte taktische Versuch, sich in der Opferrolle zu positionieren, verschlimmert die Situation in solchen Fällen nur.

Es gibt nur noch einen Weg, wie sich Geri Müller halbwegs aus der Affäre ziehen kann, wenn er in Zukunft noch erhobenen Hauptes durch die Strassen gehen will. Er muss sich den Respekt zurückverdienen. Er braucht auf der Handlungsebene unverzüglich konsequente Entscheide, die nachvollziehbar zu kommunizieren sind – mit der notwendigen Einsicht und emotionalen Betroffenheit. Er muss aufzeigen, welche Konsequenzen er aus dieser üblen Geschichte zieht. Gelingt ihm dies nicht, wird er öffentlich zur Einsicht «geprügelt». Nur wenn er dem Unvermeidlichen zuvorkommt, kann er darauf hoffen, den Boden mittelfristig für einen beruflichen und vielleicht politischen Neustart  zu ebnen. Die ersten Chancen dazu hat er verpasst. Bleibt er uneinsichtig, dürfte sich ein eine lange Story mit nachhaltigem Imageschaden einstellen, der nicht wieder gut zu machen ist. Uneinsichtigkeit droht zementiert zu werden, was der optimale Nährboden ist für viele weitere «spannende Stories». In bester Erinnerung ist da die Affäre um den früheren Armeechef Roland Nef. Gutes Krisenmanagement und wirksame Krisenkommunikation zielen auf das Gegenteil ab. Eine Krise rasch zu beenden und den Betroffenen zu helfen, das Terrain für einen Neustart vorzubereiten.

Update nach der Medienkonferenz von Geri Müller am 19.8.2014

Heute Morgen um 10 Uhr hat Geri Müller in Begleitung seines Anwalts zu offenen Fragen Stellung genommen, primär seine Sicht der Dinge dargestellt. Das sehr authentisch, jedoch mindestens zwei Tage zu spät. Aus Sicht der Krisenkommunikation hat er in dieser ausserordentlich belastenden Situation auf den ersten Blick viel richtig gemacht: Er ist endlich hingestanden. Er hat mehr als einen Kübel Asche über sein Haupt gestreut. Er hat sich mehrfach bei seinem Umfeld entschuldigt. Er hat viel Einsicht und Selbstkritik gezeigt. Damit kann er Sympathiepunkte holen und den einen oder anderen Mitleidseffekt erzielen. Aus taktischer Sicht dürfte die Strategie allerdings nicht aufgehen. Wie erwartet, scheint er die Affäre im Amt aussitzen zu wollen. Ihm droht damit ein langfristiges Ende der politischen Karriere, das auch einen späteren Neustart praktisch verunmöglicht.

Kapitaler Fehler: Fragen offen lassen – und sich Fragen verweigern

Nebenbei: Sicher nicht zu unrecht ist die Rolle der involvierten Frau sowie jene der Medien kritisch zu hinterfragen. Auch das gibt Stoff für weitere Debatten. Allerdings hilft es in der modernen Krisenkommunikation überhaupt nicht, Medien in die Täterrolle zu drängen. Egal ob diese Ansicht berechtigt ist oder nicht. Geri Müller hat sich viel zu stark und zu offensichtlich selber in der Opferrolle präsentiert. Das ist menschlich nachvollziehbar, die Rolle dürfte er sich allerdings nicht selber zuschreiben. Überdies legte er für sich zu wenig persönliche Konsequenzen und Lehren dar. Was bleibt am Schluss? Die rechtlichen Schritte gegen die Frau, mit welcher er den fraglichen Chat-Austausch pflegte. Er liess damit die Lehren aus dem Kern der Sache offen und verkennt, dass er selber sich in eine erpressbare Situation manöviert hat – und diese Situation ihn angesichts der Belastung offenbar stark in seiner Arbeit beeinträchtigt hat. Hätte er nicht früher aktiv die Notbremse ziehen sollen? Unter Inkaufnahme negativer Schlagzeilen. Das zweifellos hätte viel Überwindung gekostet – aber vermutlich deutlich weniger Schaden angerichtet. So aber stand zuerst die Version seiner «Gegenspielerin» in der «Schweiz am Sonntag», wegen des Schweigens ohne Sichtweise von Geri Müller, was erheblich zur medialen Skandalisierungsdynamik beigetragen hat. 

Überdies erhält die Geschichte mit einem Artikel in der Basler Zeitung («Der private Diplomat in geheimer Mission») eine neue Dimension. Sollte es zutreffen, dass der Nationalrat und Badener Stadtammann auf aussenpolitischer Mission in Damaskus abfällig über Verhandlungspartner geäussert hatte, zeugt dies von generell wenig (politischem) Fingerspitzengefühl. Da drohen unangenehme Fragen, welche Müller an der heutigen Medienkonferenz offen gelassen hat. Fragen, die seine grundsätzliche Haltung und politische Eignung weiter in Zweifel ziehen dürften. Zudem haben Müller und sein Anwalt Andreas Meili es verweigert, weitere Fragen der Journalisten zuzulassen. So blieb Vieles und Widersprüchliches offen. Das ist ein verhängnisvolles Signal. Mit den rechtlichen Schritten und den offen gelassenen Fragen bleiben genügend Stoff und Angriffsfläche übrig, dass die Geschichte noch weitergetrieben wird. Geri Müller wird sich dabei nicht hinter dem «laufenden Verfahren» verstecken können, wie es ihm vermutlich nun juristisch empfohlen wird. «Rechtlich habe ich mir nichts vorzuwerfen.» Damit haben schon viele andere vor Geri Müller (erfolglos) versucht, sich aus einer Affäre zu ziehen. Im seinem Fall stehen die Vorzeichen ebenfalls günstig, dass er weiter mit der Frage konfrontiert werden wird, ob die gegebenen Voraussetzungen ein Verbleiben in den öffentlichen Ämtern tatsächlich möglich machen. Dass er sich für die «moralische Seite» entschuldigt hat, wie sein Anwalt erklärte, genügt angesichts der offenen Fragen nicht. 

Geri Müller hat also am Dienstag zu einem – nach Lehrbuch in einigen Punkten guten, persönlich-emotionalen – Befreiungsschlag ausgeholt. Einen gewissen Mitleidseffekt dürfte er erwecken. Allerdings ist der Befreiungsschlag definitiv zu kurz geraten. Es bleibt zu viel Potenzial für weitere kritische Fragen und öffentlichen Diskussionsstoff übrig. Mit dem Auftritt hat Geri Müller nur ein Kapitel in der Fortsetzungsgeschichte geschrieben, nicht jedoch das Schlusskapitel. Er dürfte so noch stärker ein tragisches Opfer seiner selbst werden.

Update
Wie erwartet, kam die Lawine im «Fall Geri Müller» in den letzten Tagen nicht zum Stehen, zu viele Fragen blieben offen. Hingegen zeichnete sich in der Berichterstattung verschiedener Medien ab, dass die «33-jährige Gymnasiallehrerin» und Chat-Partnerin nicht selber agierte. Zu gezielt wanderten häppchenweise Details – bis hin zu aufgezeichneten Ton-Ausschnitten – einer Inszenierung gleichend an einzelne Medien, von der Basler Zeitung bis hin zum Blick. So erstaunt es nicht, was heute im Tages-Anzeiger und Der Bund zu lesen ist: Gemäss diesen Zeitungen soll im Hintergrund ein einschlägig bekannter «PR-Berater» die Fäden ziehen. Dieser und seine Auftraggeber dürfen sich – wie inzwischen auch Chefredaktor Patrik Müller und später womöglich noch andere Chefredakteure und/oder Verleger – selber in Krisenkommunikation üben. Von allen Seiten wird bestritten oder nach Rechtfertigungen gesucht. Auch Ende Woche herrscht keine Klarheit, was tatsächlich vorging, wer alles die Finger im Spiel hat. Klar ist einzig: Die Diskussionen hat sich zum Teil weg von der «Ursprungsfrage» bewegt. Weil zahlreiche Fragen und Widersprüche offen bleiben und neue Entwicklungen nicht auszuschliessen sind, sind alle Involvierten inkl. Geri Müller nicht aus dem Schneider.

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6 thoughts on “Fall Geri Müller: Patentrezepte helfen nicht bei Fehlhandlungen

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  4. Kann die negative Beurteilung von Geri Müllers Krisenkommunikation nicht ganz nachvollziehen. Immerhin ist er einer der wenigen, der in dieser Situation genau das getan hat, was zu tun ist: Sogleich hinstehen (statt sich zu verstecken) und zu gemachten Fehlern stehen. Selbst wenn das kurzfristig Punkte kosten mag, langfristig hält es den Schaden in dessen wahren Grenzen und die Glaubwürdigkeit der Person aufrecht.
    Im Kontrast dazu das Verhalten von Figuren wie Wigdorovits, Bollag, Patrik Müller usw., die wie einst wie Bill Clinton erst leugnen und dann unter Druck immer mehr zugegen müssen – bis man ihnen gar nichts mehr glaubt.

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